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18.07.2016 | Berlin

Im neuen Gewand

© reggae-interviews.de
Foto: reggae-interviews.de
Nach sieben Jahren ist Frank Dellé als Solokünstler zurück in den Charts. Sein Album „Neo“ hat den Sänger von Seeed zum Einstieg in die Top 20 gebracht. Auf der neuen LP will sich Dellé positionieren – manchmal direkt und unmissverständlich wie in „Light Your Fire“, manchmal auf zweiter Ebene wie in „Tic Toc“. Dabei scheut er sich nicht vor den großen Themen. Der 46-Jährige spricht in unserem Interview über Tod, Religion und Frieden.


Frank, „Neo“ hat viele digitale, urbane Sounds aufgefangen. Auf welche Musik stehst du aktuell eigentlich selber?


dellé (lacht) Oh Gott, ich bin gerade selbst so in meiner eigenen Musik drin… Ich fand auf jeden Fall das letzte Album von den Arctic Monkeys („AM“; Red.) sehr geil. Das findet sich auf „Neo“ teilweise auch in den Drums wieder. Guido (Craveiro, Producer; Red.) hat da auch total drauf abgefeiert. Die Kickdrums haben teils sehr große Hallräume. Dann mag ich zum Teil die bösen Synths von … (lacht und zögert) Rammstein. Das ist bei mir genreübergreifend. Wenn es passt stehe ich auf Songs mit Autotune-Effekt, der sehr ambivalent diskutiert wird, wie bei „Sleepy Hollow“ vom neuen Album. Es klingt so geil entmenschlicht. Das passte zu der Nummer. In Guido habe ich einen tollen Partner, der nicht nur die Ohren hat, sondern alle Instrumente amtlich spielen kann. So einen musst du erstmal finden. Teils mussten wir uns zurückhalten, damit wir nicht alles vollstopfen. Es hat gedauert, bis ich zu dem Punkt gekommen bin, dass ich das Album geil finde – ohne, dass ich es jetzt zu viel loben will. Für mich ist das alles total stimmig und eine Fortführung dessen, was ich vor sieben Jahren mit dem ersten Soloalbum gemacht habe.






Bist du Perfektionist, wenn du davon sprichst, dass es lange gedauert hat, bis du zufrieden warst?


dellé Auf jeden Fall. Mir ist das alles schon sehr, sehr wichtig. Ich würde nicht sagen, dass ich verkrampft bin. Aber wenn ich sage, das muss so und so sein, dann kämpfe ich dafür. Das Geile ist, dass man mit Guido gar nicht so viel kämpfen muss, weil wir viel übereinstimmen. Das ist Gold wert. Wenn ich alles alleine machen würde, könnte ich das gar nicht. Ich bin kein klassischer Pianist oder so.


Und ihr habt gemeinsam im Team produziert? Die Beats kommen von euch beiden?


dellé Guido hat die Beats alle komplett selbst eingespielt. In seinem Studio hat er alles was er braucht. Er drückt Aufnahme und nimmt dann jedes Instrument selbst auf.


Wenn ihr zusammen aufgenommen habt, käme jetzt eine Frage zum Thema Seeed, obwohl du solo unterwegs bist.


dellé Das ist überhaupt nicht schlimm. Das ist alles eins.


Bei der „Neo“-Produktion war von der Seeed-Family niemand mit dabei, sondern ihr habt autark gearbeitet?


dellé Ja, aber es gibt zwei Songs auf dem Album, die auf alte Seeed-Songs zurückzuführen sind. „How Do You Do“ ist eine Grundidee vom Demba (Nabé, Boundzound; Red.). Das Lied war mal als Vorschlag für ein Seeed-Album durchgerasselt. Ich fand den Song damals schon geil, und habe die erste Strophe, die sehr elektronisch klingt, auf einen Steppers-Beat gepackt. Man hört sogar noch Pierres (Peter Fox; Red.) und Dembas Stimmen im Hintergrund. Das sind Aufnahmen von damals, die ich für den Refrain übernommen habe. „Teach Me“ basiert außerdem auf einem Lick von Seeed. Da haben wir aber nichts zu gemacht, keinen Refrain und keine Strophe.


Du bist grad ein bisschen zwischen alt und neu hin- und hergeschwungen. Der Titel des Albums deutet jetzt eher aufs Neue hin – oder was bedeutet er für dich?


dellé Ich wollte das Album erstmal fertig machen, bevor ich mir überlege, wie es heißt. Tatsächlich heißt mein Sohn, der bald zwei Jahre alt wird, Neo. Ich habe einer Nachbarin das Album vorgespielt. Als sie es hörte und ich zu ihr sagte, dass ich noch keinen Titel habe, sagte sie: „Es ist doch klar, wie dieses Album heißt“ (lacht). Und das passte. Fans entdecken auf „Neo“, wie innovativ Reggae im Jahr 2016 klingen kann. Das war für mich die Prämisse: Ich wollte das erste Album „Before I Grow Old“ weiterführen, war aber bei der neuen Platte viel spartanischer. „Tic Toc“ ist der einzige wirklich klassische Dancehall-Song. Dazu kommt das reduzierte Design rund um das Album, zum Beispiel des Covers und der Webseite, mit dem ich üblichen Reggae-Klischees entgegnen und Kontraste schaffen wollte.


© reggae-interviews.de
Foto: reggae-interviews.de

"Natürlich sind Leute traurig, wenn du gehst. Aber wenn Kinder da sind, dann geht es für dich selbst nur noch darum. Dann willst du, dass es denen gut geht.



Hat auch Neues in deinem familiären Umfeld dazu beigetragen?


dellé Es war einfach ein ganz toller Zufall, dass der Titel Neo gepasst hat. P
Geht das Reduzieren, das du angesprochen hast, auch mit einer gewissen Reife einher?


dellé Ja, das ist absolut richtig.


„Tic Toc“ zum Beispiel kann man feiern, der Song hat aber textlich mit dem nahenden Lebensende einen „harten Kern“.


dellé Es ist krass, wie viele Leute das Thema Tod als ein ernstes betrachten. Ich empfinde das nicht so. Klar hat man eine begrenzte Zeit – aber dadurch wird sie wertvoll, und man macht etwas Geiles. Und dann übergibt man das der nächsten Generation. Ich habe meinen Vater auf dem Sterbebett gefragt, ob er Angst vor dem Tod hat. Wir haben uns gut verstanden und ich konnte ihm diese Frage stellen. Wir sind christlich großgeworden und ich hab gefragt, wie das denn jetzt ist. Er meinte: „Frank, keine Ahnung, ob da jetzt ein Himmel ist – aber ich habe keine Angst. Und zwar deswegen, weil ich sehe, dass es dir gut geht und du machst, was du liebst. Und auch Mama braucht keine Angst zu haben, weil ihr da seid.“ Er hat mir glaubhaft vermittelt, dass er gehen kann, weil er keine Scherben hinterlässt. Natürlich sind Leute traurig, wenn du gehst. Aber wenn Kinder da sind, dann geht es für dich selbst nur noch darum. Dann willst du, dass es denen gut geht. „Tic Toc“ bedeutet auch, dass ich sehe, was ich für ein großes Glück in meinem Leben habe – zum Beispiel ohne Krieg leben zu können.


Passt die Geschichte mit deinem Vater auch dazu, dass du als Sänger jemand sein möchtest, der offen über Themen spricht?


dellé Sagen wir mal so: Ich bin schon immer ein offener Mensch gewesen. Manchmal erkennt man das in meinen Liedern gar nicht so auf den ersten Blick. Wenn ich „Trisomie 21“ nicht so genannt hätte, könnte der Chorus „I would do it all again“ alles Mögliche bedeuten. Ich will Themen für mich loswerden, aber nicht auf der ersten Ebene darstellen. Wenn „Tic Toc“ auf Deutsch wäre…


…käme das für die Hörer hierzulande wohl ziemlich mit dem Holzhammer.


dellé Genau. Weil es auf Patois flowt, versteht man es nicht so richtig. Viele Hörer, die kein Patois können, hören dann nur „Ticiticitac, ticiticitac“ – das ist eher lustig, das singen Kinder nach. Diesen Kontrast hinzukriegen und etwas so verpackt sagen zu können, finde ich spannend. Bei „Light Your Fire“ war es mir hingegen ganz wichtig, keine zweite Ebene zu haben, ganz simpel eine Message zu bringen. Ich will ja nicht der Dellé sein, der irgendwelche Binsenweisheiten mit dem erhobenen Zeigefinger von sich gibt. Der Song sollte ganz einfach sein, so, als würde ein Kind nach Nächstenliebe in der Religion fragen, und eine Antwort bekommen. So bin ich als Kind in Ghana unter Moslems und Christen aufgewachsen. Es ging um Demut vor dem Leben und um Regeln, wie man den anderen respektiert – so habe ich Religion wahrgenommen. Sich davon zu distanzieren, was Kirche alles Schlechtes bewirkt hat, gehört dazu. In der Recherche zu dem Video habe ich zum Beispiel die Leute vom „House of One“ kennengelernt (ein Projekt, in dem Christen, Juden und Moslems unter einem Dach beten; Red.), die genau das machen, was ich mir bei dem Lied vorgestellt habe. Und die den Kindern zeigen, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten gibt.






Wolltest du dich auch im globalen Kontext klar und deutlich positionieren? Ist das für dich ein wichtiges Anliegen im Moment gewesen?


dellé Nicht nur im Moment. Es ist mir überhaupt wichtig. Ich habe den Song im März geschrieben und dann kamen im November die Terroranschläge von Paris. Ich habe das Lied dann sofort rausgehauen, damit mir keiner vorwerfen kann, dass ich zur Promo für das Album auf irgendeinen Zug aufspringe. Vollkommen unabhängig vom Album sollte der Song erscheinen. Es ging mir auch nicht darum, in irgendwelchen Talkshows mit Leuten zu diskutieren. Es ging mir darum zu zeigen, was ich in Religion sehe – und dass es mehr Menschen gibt, die das genauso sehen. Und die im Video mit ihrem Gesicht dafür stehen. Davon gibt es viele, und wir müssen uns positionieren, für Frieden.


Hast du persönlich eine Lösung für das, was aktuell auf der Welt abgeht?


dellé Leider nicht. Ich glaube auch, dass es sich niemals wirklich ändern wird. Ich glaube, unser Grundproblem ist, dass wir zu beschränkte Wesen sind. Wir haben unsere fünf Sinne und können nur interpretieren, was wir damit erfassen können. Seit der Steinzeit haben wir uns nicht weiterentwickelt. Wir haben hier in unserer Gegend den Deckmantel des Friedens, aber wenn es Krieg gibt, wird sich jeder verteidigen. Ich schließe mich da gar nicht aus. Ich würde das auch tun, wenn es nötig ist.


Sind die Motive immer die gleichen?


dellé Ja. Die Hoffnung sind immer die Kinder als neue Chance. Andererseits siehst du diese Motive auch schon bei denen. Das ist einfach in uns drin. Man muss es für sich in seiner Familie versuchen zu optimieren. Aber global gesehen ist das schwierig. Was will man da für eine Formel für Frieden entwickeln?
Einer der – wie man aus unseren letzten Interviews erkennen kann – wohl ähnlich denkt wie du, ist Gentleman. Hast du mit ihm einen idealen Partner für ein Duett gefunden?


dellé Es war einfach so: Wir waren nie Konkurrenz, aber mit Seeed eigentlich immer irgendwie ein bisschen inkompatibel. Es hat sich nie ergeben. Gentleman wollte immer den klassischen Reggae und Dancehall machen, bei uns war es immer die „Berliner Boygroup“ (lacht), die gesagt hat, dass es uns egal ist, was Jamaikaner oder Reggaefans über unseren Style sagen. Ich war bei uns immer schon in der Reggae-Fraktion. Ich habe Gentleman dafür bewundert, dass er es als Weißer auf Jamaika geschafft hat. Er hat durch Qualität überzeugt und hatte tolle Ausdauer – Respekt. So ein Thema wie bei „Tic Toc“ ging natürlich auch nicht mit einem 25-Jährigen. Das hat einfach gut gepasst, und dann habe ich ihm eine SMS geschickt: „Tilmann, wie lange machen wir jetzt Mucke zusammen? Es wird einfach mal Zeit für einen gemeinsamen Song“ (lacht). Und er hat sofort genauso geantwortet und meinte: „Schick‘ mal die Nummer rüber“ (lacht). Das Video haben wir in Buenos Aires auf der Seeed-Tour gedreht, Tilmann kam extra für einen Tag eingeflogen.


Für die Fans ist das natürlich eine tolle Combination.


dellé Mich freut es auch. Man sieht im Video, dass wir Spaß haben. Es war schön, Tilmann noch einmal auf einer anderen Ebene kennenzulernen, er ist einfach ein toller Mensch.





____________________________________________________________


text: fsch
fotos: reggae-interviews.de | tino pohlmann


© reggae-interviews.de 2016


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 Dellé

Aus

Berlin

Termine

24.07.2016: Das Fest, Karlsruhe
11. – 14.08.2016: Ostroda Reggae Festival (Poland)
12. – 14.08.2016: Heitere Open Air Zolfingen (Switzerland)
26.08.2016: CH-Glarus | Sounds of Glarus
ROAD TO NEO TOUR 2016
03.11.2016: München | Ampere
04.11.2016: Leipzig | Werk2 (Halle D)
06.11.2016: Aschaffenburg | Colos Saal
08.11.2016: Berlin | PBHFCLUB
09.11.2016: Hamburg | Gruenspan
10.11.2016: Köln | Kantine

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