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29.06.2016 | München

Gute Medizin

© Schweiger & Leske
Foto: Schweiger & Leske
Letzten Sommer haben Raggabund ihr Album „Buena Medicina“ veröffentlicht. Getreu dem Motto „über gute Musik kann man immer sprechen“ bringen wir jetzt unser Interview mit Don Caramelo, der mit seinem Bruder Paco Mendoza den Kern der Münchener Formation bildet, die seit Jahren durch ihre Vielseitigkeit und Offenheit gegenüber Sprachen und Styles besticht.


Don Caramelo, ihr startet auf eurem Album „Buena Medicina“ so abwechslungsreich wie ihr auch als Band seid. Der Opener „Quiero Bailar“ ist auf Spanisch, dann kommt mit „So nicht geht“ ein Deutscher Song, da ist Reggae drin, der dritte Tune „Rock’n’Roll Girl“ ist wieder auf Englisch und geht in Richtung Rocksteady – ihr steht nach wie vor auf Abwechslung, oder?


caramelo (schmunzelt) Ja, wobei wir bei diesem Album ein bisschen stringenter vorgegangen sind. Wir haben uns mehr der Roots-Sache verschrieben. Bei den anderen Alben war es noch abwechslungsreicher, wir haben oft digitale Beats und Samples benutzt. Auf „Buena Medicina“ geht es doch sehr rootsig zu, mit einigen Dub-Elementen. Das wollten wir schon länger mal wieder machen. Es ist vielleicht ein Schritt zurück zu unserer allerersten Produktion, die wir damals mit Silly Walks und der Shashamani Band von Patrice gemacht haben. Das wollten wir mit den Jungs von den Dubby Conquerors aufgreifen. Die Zusammenarbeit mit der Band hatte sich sowieso angeboten, weil wir musikalisch ähnlich ticken und schon länger mit denen unterwegs sind.





Also habt ihr euch bewusst für den Roots-Sound entschieden oder weil es euch in der letzten Zeit entgegengeflogen kam?


caramelo Mein Bruder hat viele frische Ideen eingebracht. Mit den Dubbys hat sich das wunderbar ergänzt. Da hat sich schon abgezeichnet, dass es in diese Richtung geht. Es gibt noch andere Ideen, die viel in Richtung Dancehall gehen, die haben sich aber in das Gesamtbild von „Buena Medicina“ nicht so gut eingefügt. Wenn man dann zum Beispiel noch mit jemandem wie Michele, dem Keyboarder der Dubby Conquerors, zusammenarbeitet, der eine wahre Soundmaschine ist – dann kommt richtig Spieltrieb auf.


Das hört man auch. Im Vergleich zu eurem Vorgänger „Mehr Sound“ wirkt „Buena Medicina“ gerade im Durchlauf flüssiger. Liegt das daran, dass ihr durchgehend mit einer Band zusammengearbeitet habt?


caramelo Auf „Mehr Sound“ haben wir auch mehr mit Features zusammengearbeitet. Es ist natürlich klar, dass wenn man mit Macka B. oder mit Blumentopf was macht, oder Jam-Songs mit Nosliw, den Irie Révoltés oder Dr. Ring Ding – dass es sich dann allein durch die Styles der einzelnen Gäste angeboten hat, in viele verschiedene Richtungen zu gehen. Auf „Buena Medicina“ haben wir uns mit den Features zurückgehalten.


Trotzdem sind ein paar dabei. Möchtest du zu den Gastmusikern ein paar Sätze sagen?


caramelo Musikalisch sind ein paar unserer alten Bandkollegen von den Babacools dabei. Von Jamaram haben uns auf einem Song die Bläser unterstützt. Posaunist Til Schneider, den wir sehr, sehr schätzen, war ansonsten für die Bläsersection zuständig. Wir sind natürlich sehr froh, dass wir Sebastian Sturm auf der Platte haben, der ist einfach eine Reggae-Instanz in Europa. Lengualerta ist hier nicht so bekannt, aber in Mexiko groß. Als wir dort auf Tour waren, haben wir ihn kennengelernt. Er ist bekannt für seine bewussten Texte und spirituelle Lebensweise. Maria Rui, eine Sängerin aus Portugal, kennen wir aus München. Sie hat eine wunderbare Stimme und kommt aus dem Jazz- und Worldbereich. Und letztlich haben wir noch De Luca dabei, das ist unser Gitarrist, der bei uns auch live gerne mitsingt. In der Schweiz ist er durch seinen Mundart-Reggae-Style bekannt.


Es ist vermutlich noch einmal ein ganz anderes Gefühl, mit einer Band in Live-Atmosphäre im Studio zu arbeiten, oder?


caramelo Ja, das ist schon eine Dynamik, die sich ergibt. Man kommt mit Ideen und die Band bringt noch einmal ihren eigenen Vibe mit. Irgendwann merkt man, dass sich die Ursprungsidee ganz anders entwickelt hat.


© Schweiger & Leske
Foto: Schweiger & Leske

"Durch ständige Vergleiche mit anderen hat man einen dauernden Druck, sich selbst optimieren zu müssen. Es geht also bei „Buena Medicina“ auch darum, ein bisschen zu entschleunigen. "



Gibt es ein spezielles Beispiel dazu auf eurer Platte?


caramelo Der Titelsong „Buena Medicina“ zum Beispiel. Den wollte ich schon lange, lange aufnehmen. Bei der „Mehr Sound“ hätte er nicht reingepasst. Jetzt hat er sich wunderbar eingefügt. Ich hatte den Song ursprünglich noch ein bisschen treibender im Kopf. Mit der Band entwickelte sich der Sound richtig schön erdig.


Worum ging es dir denn im spanischen Text von „Buena Medicina“?


caramelo Eigentlich um die guten Vibes an sich. Ich habe es aber sehr offen gehalten. Es geht auch um einen organischen Aspekt. Wenn man etwas aussät, dann soll man es auch geduldig wachsen lassen, bis man es ernten kann. Und darum, dass man sich nicht von unserer Leistungsgesellschaft verrückt machen lassen soll. Gerade wenn man in einer Großstadt lebt, gibt es so viele Lebensentwürfe. Durch ständige Vergleiche mit anderen hat man einen dauernden Druck, sich selbst optimieren zu müssen. Sei es bei der Partnerwahl, bei der Karriere, oder auch wenn man künstlerisch tätig ist. Wer da nicht so drauf achtet, ist vielleicht eher zufrieden. Es geht also bei „Buena Medicina“ auch darum, ein bisschen zu entschleunigen.


Beziehst du das Organische, was du ansprichst, auch auf die Ernährung?


caramelo Mein Bruder und ich leben vegetarisch, aber nicht vegan. Käse und Eier sind auf jeden Fall lecker (lacht). Wir sind keine Ernährungspolizei, aber die Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten, haben wir definitiv aus ökologischen und ethischen Gründen getroffen. Und das als gebürtige Südamerikaner – die essen nur Fleisch (lacht).


Der Song „Nazimann“ sticht gerade zur heutigen Zeit ebenfalls heraus.


caramelo Das ist ein Song von meinem Bruder. Anfangs war das nur ein Arbeitstitel (schmunzelt). Hinterher haben wir gemerkt, das passt und ist vielleicht so provokativ, dass man sich den Song gleich mal anhört, wenn man den Titel sieht. Toleranz und Respekt gegenüber anderen sind ja nach wie vor ein wichtiges Thema, nicht nur im deutschen Reggae. Da geht es ja nicht nur um Religion, darum, ob jemand jemanden gleichen Geschlechts liebt, oder um eine andere Kultur. Bei unserem Song geht es aber nicht generell nur um Faschismus.


© Schweiger & Leske
Foto: Schweiger & Leske

"Sehr viele spenden quasi auch einfach Geld, weil sie uns schon länger hören und unterstützen wollen, manche sagen dann sowas wie 'der Song hat damals meine Frau und mich zusammen gebracht' oder so…"



Ihr kommt nicht mit der Holzhammermethode, sondern fordert vom Nazimann, dass er mal chillen soll. Soll das eher das Miteinander fördern und heißen, dass auch Nazis keine verlorenen Menschen sind?


caramelo Es soll bedeuten, dass man sich vielleicht vorher einmal genau überlegt, was man da eigentlich macht, wenn man Dinge äußert. Europaweit gibt es starke Tendenzen nach rechts, die sich durch die globalen Probleme noch intensivieren. Dadurch ergibt sich natürlich, dass Menschen in Europa Zuflucht suchen. Im Vergleich zu Ländern wie Ungarn und Polen ist Deutschland ja noch gemäßigt. Trotzdem haben wir die Problematik hier leider auch. Natürlich heißt der Titel „Nazimann“, aber es geht generell um Extremisten und faschistisches Denken, bei dem andere Menschen ausgegrenzt werden.


Ihr habt das Album, wie mittlerweile einige andere Künstler, per Crowdfunding finanziert?


caramelo Ja, wir sind auch sehr dankbar für den ganzen Support, den wir dadurch erleben durften. Es war das erste Mal, dass wir so eine Aktion gemacht haben und es hat sehr gut geklappt. Es ist eine viel direktere Art, sich mit den Fans direkt austauschen zu können. Wir haben dann letztlich auch etwas mehr Geld für das Produkt in die Hand genommen, um den Leuten richtig was bieten zu können. Sehr viele spenden quasi auch einfach Geld, weil sie uns schon länger hören und unterstützen wollen, manche sagen dann sowas wie „der Song hat damals meine Frau und mich zusammen gebracht“ oder so… (lacht)


Ist das schon vorgekommen?


caramelo Ja, ja (lacht). Wir haben schon einige Videos bekommen. Bei einem Pärchen wurde dann unser „Babygirl“ in der Kirche gespielt. Ein anderes Paar, das jetzt verlobt ist, ist sich bei einer Releaseshow von uns nähergekommen.


Was denkt man als Musiker darüber?


caramelo Hammer. Fett. Geil. Make love, not war! (lacht)




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text: fsch
fotos: schweiger & leske


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