on Facebook

recommends (Anzeige)

recommends (Anzeige)

recommends (Anzeige)

29.06.2016 | Stuttgart

Der Mann mit dem Lineup

© privat
Foto: Klaus Maack
Er ist der Herr über das Programm beim Summerjam: Klaus Maack, 65, Mitgründer des größten Reggaefestivals in Europa, und Booker der Reggae-Stars und -Sternchen. Schon vor 31 Jahren holte er die Wailers an die Loreley. 2016 präsentiert er Namen wie Gentleman & Ky-Mani Marley, Collie Buddz, Sean Paul, Alborosie oder Chronixx am Fühlinger See. Dazu gehört aber mehr als nur mit Geldscheinen zu wedeln. Wir haben mit ihm über den Alltag eines Bookers gesprochen.


Klaus, was ist schwieriger? Einen internationalen Star zu buchen oder dem Publikum einen Nachwuchskünstler zu verkaufen?


klaus maack Das hat beides seine Schwierigkeiten. Wenn ich mich zum Beispiel an die Bookingphase von Sean Paul erinnere, war das relativ mühsam. Die Stars wissen natürlich, was sie wert sind – und naturgemäß glauben sie auch, dass sie mehr wert sind, als ich das denke. Sie haben aber auch einen Vorsprung, denn sie wissen schon im letzten Herbst, dass eine neue Platte kommt, die jetzt rauf und runter gespielt wird. Das versuchen sie mir vorab zu verkaufen, und ich muss erst einmal abwarten, ob das wirklich was wird. Das ist schon beschwerlich und geht über Wochen, teils eben auch in nächtlichen Stunden, weil in den USA oder auf Jamaika durch die Zeitverschiebung unterschiedliche Bürozeiten sind. Wenn du einen Nachwuchskünstler hast oder jemanden wie Dellé von Seeed, der seine Soloplatte rausgebracht hat, läuft die Sache ähnlich ab. Die wissen ja auch, dass sie im Studio etwas Starkes geschaffen haben. Ich versuche das natürlich ins Programm zu bringen, muss aber entscheiden, ob ich das wuppen kann, ohne aus dem Budget zu fallen.





Wie viele Nachwuchskünstler bewerben sich denn bei euch?


klaus maack Das sind hundert. Es ist halt schwierig. Ich kann ja nicht sechs unbekannte Künstler machen und zwei – in Anführungsstrichen – Große. Das Programm muss ausgewogen und attraktiv sein, und es muss auch verschiedene Richtungen haben. Ich beneide zum Beispiel den Sheriff vom Reggae Jam in Bersenbrück. Der kann wirklich ein reines Reggae-Programm machen. Das geht beim Summerjam nicht, weil die Dimension zu groß geworden ist. Ich denke mal, wenn der Sheriff mit 10-15.000 Besuchern kalkuliert, ist er aus dem finanziellen Risiko. Bei mir wären 10-15.000 Besucher ein finanzielles Fiasko. Die Nummer ist so groß geworden, man kann nicht einfach zu den Behörden gehen und sagen, dass dieses Mal nur 15.000 kommen. Die Auflagen bleiben dann trotzdem. Deshalb muss ich immer andere Kriterien anwenden.


Betrifft dich diese Debatte um Reggae- und Nicht-Reggae-Acts persönlich?


klaus maack Auf jeden Fall. Ich lese natürlich die Facebook-Kommentare und rede mit vielen Leuten und Freunden aus der Szene. Ich muss dann immer abwägen, ein schwieriger Entscheidungsprozess. Ich weiß auch, dass ich populäre Namen brauche. Danach richtet sich das Gesamtprogramm ein bisschen. Wenn jemand aus der Reggaeszene sagt, ein Musiker wie Alligatoah hätte auf dem Summerjam nichts zu suchen, dann erwidere ich, dass er ein sehr origineller Künstler mit einem einmaligen Status in Deutschland ist, der sehr erfolgreich ist. Das hält sich immer so die Waage. Es kommt ein Kompromiss heraus, den ich eben machen muss.


In der Geschichte des Summerjam hat es das immer schon gegeben – mit Auftritten wie von James Brown oder Kool and the Gang.


klaus maack Ganz genau. Beim ersten Festival auf der Loreley standen Black Uhuru, The Wailers, Dennis Brown, Gil Scott Heron, Rhapsody und Manu Dibango auf der Bühne. Damals fing es in Europa gerade mit der afrikanischen Musik an. Irgendwann gab es dann mal den Bezug zur deutschen Szene – klar, durch Gentleman und Patrice war der zu Reggae gegeben. Aber der erste richtige Berührungspunkt war dann Max Herre. Das hat richtig gut funktioniert.






Ein Beispiel dafür wird wohl auch der Comeback-Auftritt der Beginner am kommenden Samstag beim Summerjam werden.


klaus maack Genau, die Beginner sind auch so eine Band, die es schon ewig gibt. Ich wollte sie schon im letzten Jahr haben. Dass sie jetzt ihr Comeback bei uns geben – da wird es natürlich abgehen an der grünen Bühne.


Hast du eigentlich vor dem Festival Lampenfieber?


klaus maack Schwitzattacken (lacht). Das ist der Unterschied zu unserem Festival und solchen wie Rock am Ring – nicht von der Größenordnung, aber von der Organisation. Wenn die einen Deal machen, werden alle Aufträge an Firmen weitergeleitet, die für die Technik sorgen. Die Künstler müssen dafür bezahlen. Bei uns ist es so, dass wir vom Visum über die Krankenversicherung bis zum Transport zum Flughafen und die Flüge für alles sorgen. Viele Künstler stehen mit ihrer Gitarre irgendwo in Kingston (lacht), und stehen noch eine Woche dort, wenn wir sie nicht abholen. Außerdem organisieren wir die Technik und die Backline.


Hört sich an wie eine große Familie. Führt sich das im Backstagebereich fort? Gibt es irgendwelche kuriosen Geschichten, die erzählt werden dürfen?


klaus maack Von James Brown mit seiner Trockenhaube bis zu Bunny Wailer, der Fisch haben wollte, war alles dabei. Damals kam es auf persönliche Vibes an. Als ich mit jemandem für Bunny Wailer telefonierte und den Deal machte, stellte sich heraus, dass das der Koch war. Als sie in Deutschland ankamen, wollte der Manager Fischköpfe haben. Die Sache wurde richtig grantig. Wildenrath ist nicht der Nabel der Welt. In irgendeiner Mönchengladbacher Pizzeria haben wir dann Fischköpfe aufgetrieben. Ich durfte die Suppe davon probieren – sie war sensationell. Solche Sachen passieren laufend. Bei Manu Dibango fehlten auf einmal vier Leute von der Band. Die hatten den Zug verpasst, kamen mit dem Auto, stiegen auf die Bühne, nahmen die Gitarren von anderen Musikern und haben ein Sensationskonzert gespielt. Sowas vergisst du auch nie.



"Manchmal denkt man ja, der Summerjam hat so einen guten Ruf, der kriegt die Bands umsonst. Aber es ist genau andersherum."



Man muss wahrscheinlich auch eine Menge Fingerspitzengefühl haben, um solche Leute zu buchen. Es ist ja nicht immer nur eine Geldfrage…


klaus maack Nein, da braucht man lang gewachsene Kontakte. Deswegen ist es sehr personenbezogen, so ein Festival zu machen. Durch Auftritte beim Summerjam treten wir Europatourneen los. Jemand wie Alborosie kommt nicht wegen einer Show rüber. Wenn er ein gutes Angebot vom Summerjam hat, gehen die anderen Agenten in den anderen Ländern los. Das ist dann schon ein bisschen Trendsetting, wenn Leute wie Collie Buddz, Matisyahu, Raging Fyah oder Tiken Jah Fakoly kommen. Die orientieren sich an deinem Angebot und buchen drumherum. Manchmal denkt man ja, der Summerjam hat so einen guten Ruf, der kriegt die Bands umsonst. Aber es ist genau andersherum. Wir geben eigentlich immer das optimale Angebot ab. Dann haben andere Festivals es leichter.


Gibt es jemanden, den du noch nicht im Lineup hattest, aber unbedingt einmal holen willst?


klaus maack Nächstes Jahr, Manu Chao. Ansonsten gibt es echt nicht mehr viel. Das ist ja auch das andere Problem beim Programm. Es gibt eigentlich gar nicht mehr genug reine Reggae-Acts aus Jamaika. Da wird jetzt die halbe Reggaeszene aufheulen, wenn sie das hört. Aber ich meine Acts, die originell sind und eine gewisse Zugkraft haben. Da gibt es nicht mehr so viel. Bei einem Festival mit 25-28.000 Leuten bist du gezwungen, Acts wie die Beginner oder Sean Paul zu buchen.


Für dich heißt das sicherlich, dass du immer mit dem Ohr an der Musik bist.


klaus maack Ja sicher. Parov Stelar ist zum Beispiel etwas, was nicht unbedingt reinpasst – aber die Show ist so gigantisch gut, dass es schon wieder eine Ausnahmeerscheinung ist. Ich versuche immer irgendetwas Außergewöhnliches zu machen. Parov Stelar ist mit Sicherheit außergewöhnlich. Das öffnet natürlich das Programm in Richtung Elektronik. Das wird sicherlich in den nächsten Jahren eine Rolle spielen. Natürlich schaue ich mich ansonsten auch im Internet um, besuche Festivals und bin einmal im Jahr auf Jamaika, Trinidad oder in Miami. So bleibt man immer im Spiel.





Gibt es unter den Auftritten, die du beim Summerjam gesehen hast, Favoriten?


klaus maack Schwierig. Die Gentleman-Auftritte waren eigentlich immer gut. Patrice war immer gut. Hat mich auch jedes Mal überrascht. In einem Jahr hatten wir Bunny Wailer gebucht – wir hatten ihn angekündigt, und er hat abgesagt. Das war sehr kurzfristig. Ich hatte damals schon Kontakt zur Marley-Family. Von denen hörte ich dann, dass der 18-jährige Ziggy ein richtig Guter wäre. Ich habe gedacht, ich kann nicht Bunny Wailer ankündigen und Ziggy Marley bringen, aber mir blieb nichts anderes übrig. Das war noch auf der Loreley. Ich habe selber die Ansage gemacht. Man konnte das ja gar nicht wie heute bei Facebook verbreiten. Wenn der auf dem Plakat stand, dachten die Leute, der spielt auch. Jedenfalls meinte jeder, Ziggy Marley, so ein grüner Junge, das kann ja nix sein. Und dann hat der mit seinen Melody Makers die Loreley komplett abgerissen. Nach dem dritten Song ist jeder auf und ab gehüpft und hat gesagt, dass es das doch gar nicht gibt: Reinkarnation! Wir haben fassungslos am Bühnenrand gestanden. Außerdem war Damian Marley immer sehr gut. Damian Marley und Nas – das war auch eine super Geschichte. Das hätte ich auch nicht gedacht von so einem einmaligen Projekt. Die waren schon genial. Es gab aber sehr viele Sachen, die richtig gut waren.


Wenn ich richtig recherchiert habe, bist du mittlerweile 65 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem andere Leute vielleicht mal an die Rente denken würden. Wie sieht das bei dir aus?


klaus maack Ich würde wahrscheinlich dran denken, aufzuhören, wenn ich noch wie früher die Tourneen an der Backe hätte. Früher haben wir das Festival und alle möglichen Tourneen organisiert. Jetzt machen wir nur noch das Festival, das das ganze Jahr über vorbereitet wird. Wir haben unseren eigenen Ticketshop und haben alles drumherum aufgebaut. Deshalb kann man sich die Zeit ganz gut einteilen. Ich wüsste auch ehrlich gesagt gar nicht, was ich machen sollte – ich bin nicht der Typ, der irgendwie unterm Auto liegt oder der mit der Zahnbürste die Harley-Speichen putzt oder der im Garten die Rosen schneidet (lacht). Da macht mir das auch noch viel zu viel Spaß.




____________________________________________________________


text: fsch
fotos: klaus maack


© reggae-interviews.de 2016


Alle News anzeigen

 Klaus Maack

Aus

Stuttgart

Termine

1.-3.7.16 - Summerjam (Köln)

LinkUp

Summerjam im Netz

Update

unterstützt

recommends (Anzeige)

recommends (Anzeige)